Der Raum war ziemlich kalt. Nicht nur wegen der abweisenden, weiß getünchten Wände und der flackernden Neonröhre, sondern auch wegen des grauen, schwächer werdenden Lichts, das durch regennasses Glas hereindrang. Der scheußliche Wintertag ging draußen langsam zur Neige, doch hier drin war er noch längst nicht vorbei. Er fröstelte und rutschte unbehaglich auf dem harten Stuhl hin und her. Bis vor fünf Minuten oder so war noch ein Mann mit ihm im Raum gewesen. Korpulent, rotgesichtig und offensichtlich mit seinem hohen Blutdruck kämpfend. Sie hatten ihn geholt. So, wie sie auch die Frau vorher geholt hatten. Sie war nicht wieder aufgetaucht. Auch der Mann würde nicht wiederkommen. Sein gezwungenes Lächeln, als er den Raum verließ, hatte deutlich gezeigt, daß auch er wußte, was ihn erwartete.
Unruhig rieb er die klammen Hände aneinander. Obwohl er fror waren seine Handflächen schweißnaß. Warum war er auch nicht zu Hause geblieben? Sicher, er hatte Schwierigkeiten gehabt, doch deshalb gleich hier her kommen? Gott, auf was hatte er sich da bloß eingelassen? Unheimliche Geräusche drangen in den Raum. Ein durchdringendes Quietschen und Sirren. Dann der Schrei. Er zuckte zusammen und versuchte regelrecht in seinem Stuhl zu verschwinden. Sein Herz raste. Das hatte er nun davon. Am liebsten wäre er geflohen. Doch draußen war natürlich jemand und paßte auf. Wen diese Leute einmal in ihren Fingern hatten, den ließen sie nicht mehr los. Wieder ein Schrei, unterdrückt und doch noch angsteinflößender als der letzte. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, während er versuchte, die aufsteigende Panik zu unterdrücken. Weiß traten die Knöchel unter der Haut hervor. Was mochten die nur mit dem armen Kerl anstellen?
Nervös stand er auf und trat ans Fenster. Eine plötzliche Eingebung, es zu öffnen und sich so in Sicherheit zu bringen, erwies sich als undurchführbar. Vierter Stock, keine Chance. Er hatte sich in diese Falle begeben, und nun war sie zugeschnappt. Er konnte sich lebhaft ausmalen, was ihn erwartete. Die perfiden Methoden und ausgeklügelten Geräte waren bekannt, mit denen man hier alles aus ihm herausholen konnte, was man wollte. Würde es mit Schmerz nicht funktionieren, so hatten sie ihre Spritzen, die etwas nachhalfen. Wer weiß, was sie ihm da für ein Teufelszeug ins Fleisch jagen würden... Wollte er den Mund nicht aufmachen, so gab es mittelalterlich anmutende Geräte, die den Daumenschrauben nicht so ganz unähnlich waren. Sie bekamen schon, was sie wollten. Schließlich hatten sie ihr blutiges Handwerk gelernt.
Die Schreie, die einige Minuten lang immer wieder die Stille zerrissen hatten, waren schon seit einer Weile verstummt. Der Rotgesichtige hatte es hinter sich. Ob er es überstanden hatte? Es würde nicht mehr lange dauern, bis auch er an die Reihe kam. Er wußte nicht, wie spät es war. Seine Uhr war kaputt, und im Raum hing natürlich keine. Er hörte stimmen. Türen klappten. Er hätte es versuchen sollen. Einfach die Klinke herunterdrücken und, wenn ihn niemand aufhielt, versuchen den Ausgang zu erreichen. Doch es war zu spät. Er hörte seinen Namen. Jetzt! Jetzt kamen sie ihn holen. Er stand auf. Seine Knie zitterten. Die Tür öffnete sich und man hieß ihn, herauszutreten. Eine Frau, jung und eigentlich sehr hübsch mit ihrer frechen Frisur. Wie konnte sie nur in dieses Metier geraten? Kein Funken Mitleid lag in ihrer Stimme. Sie wirkte routiniert, abgehärtet von der Erfahrung. Über den Flur führte sie ihn in den "Behandlungsraum". Da wartete sie, zu allem bereit, und in dem festen Glauben, ihm damit auch noch einen Gefallen zu tun. Handschuhe schützten ihre Hände davor, mit all dem Blut besudelt zu werden, das bald fließen mußte. Seltsam, trotz ihres Berufes sah sie harmlos, ja sogar liebenswert aus.
"Na na, nun kucken sie doch nicht so entsetzt!" Die Ärztin sah ihn beruhigend an. "Was raus muß, muß raus. Oder wollen sie ständig mit einem eitrigen Zahn herumlaufen?"
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