Es ist unwichtig, wo diese Geschichte genau spielt. Die Hotelbar sieht aus wie alle Hotelbars so aussehen und das Hotel liegt in einer typischen Großstadt. Es ist ziemlich spät, nach Mitternacht, und die Bar ist ziemlich leer. Die meisten Gäste sind zu Bett gegangen. Nur einer sitzt noch an der Bar, im korrekten, mausgrauen Anzug. Man sieht ihm den Vertreter auf eine halbe Meile an. Kein Wunder, das ganze Hotel ist ausgebucht wegen einer Konferenz von Handelsvertretern.
Ganz hinten in einer dunklen Ecke rührt sich was. Da sitzt jemand. Dieser Jemand schiebt sich langsam ins Licht und steht auf. Er hat schon den ganzen Abend dort im Schatten gesessen, aber nun gesellt er sich zu dem einsamen Vertreter an der Bar. Er trägt einen unauffälligen dunklen Mantel und hält einen Hut in der Hand.
Eine Weile sitzen die beiden Männer an der Bar und unterhalten sich. Der Vertreter erzählt seinem Nebenmann seine langweilige Lebensgeschichte. Seit fünfzehn Jahren reist er quer durchs Land und verkauft Damenunterwäsche. Er zeigt Fotos von seinem kleinen Haus, von seinem Auto und natürlich - ganz stolz - von seiner Familie. Eine hübsche, wenn auch etwas langweilig wirkende Frau und zwei süße, furchtbar brav hergerichtete Kinder. Das Mädchen ist zwölf, der Junge neun. Er liebt seine Kinder über alles.
Irgendwann muß der Vertreter mal aufs Klo. Während er draußen ist bestellt der andere Mann noch zwei Bier. In eines davon schüttet er ein gelbliches Pulver. Der Vertreter kommt zurück und nimmt sein Bier. Er stößt mit dem dunkel gekleideten Mann an.
Nach zehn Minuten und einem halben Bier wird dem Vertreter plötzlich übel. Er kann kaum noch vernünftig sprechen, lallt nur mit Mühe seine Zimmernummer. Der dunkle Mann packt ihn unter den Armen und trägt ihn zum Aufzug. Etwa zwanzig Minuten später verläßt er das Zimmer des Vertreters. Ruhig, aber eilig verschwindet er aus dem Hotel.
Eine Woche später sitzt der Vertreter abends im Schlafanzug vor dem Fernseher. Er will noch die Spätnachrichten sehen. Seine Frau sitzt neben ihm und trinkt eine warme Honigmilch zum Einschlafen. Die Titelmelodie der Spätnachrichten erklingt. Zur Verwunderung seiner Gattin steht der Vertreter auf und geht in die Küche. Sie hört ihn eine Schublade öffnen und darin kramen. Dann hört sie ihn zurückkommen. Die Puschen, die sie ihm zu Weihnachten geschenkt hat, schlurfen über den Teppich.
Der Vertreter hält ein großes Fleischmesser in der Hand. Ohne eine Miene zu verziehen stößt er es seiner Frau seitlich in den Hals. Unbeeindruckt von ihrem entsetzten Gesichtsausdruck, in dem ein großes, schmerzerfülltes WARUM steht, zieht er die Klinge bis zur anderen Seite durch ihre Gurgel. Danach geht er nach oben, in die Zimmer seiner Kinder. Sie erleiden das selbe Schicksal wie ihre Mutter. Nachdem er sein blutiges Werk vollendet hat, setzt er sich neben seine tote Frau vor den Fernseher, sieht den Rest der Spätnachrichten und geht dann ins Bett.
Am darauffolgenden Morgen steht der Vertreter auf und wundert sich, daß das Bett seiner Frau unberührt ist. Er entdeckt Blutflecke auf seinem Schlafanzug. Als er ins Wohnzimmer kommt findet er seine Frau in einer Blutlache. Schreiend rennt er die Treppe hinauf. Als er auch seine Kinder tot auffindet, bricht er weinend zusammen. Nachbarn hören ihn und laufen hinüber. Sie rufen die Polizei.
Mittags ist der Bericht in allen Radio- und Fernsehprogrammen. Treusorgender Familienvater bringt seine ganze Familie grausam um und behauptet danach, sich an nichts mehr zu erinnern. Seine Fingerabdrücke auf der Tatwaffe und einige andere Beweise sind erdrückend. Schon nennt man ihn das "Vorstadtmonster".
Ein Mann in einem Hotelzimmer sitzt vor dem Fernseher und sieht den Bericht. Neben ihm liegen ein dunkler Mantel und ein Hut auf einem Stuhl. Er packt den Laptop aus seinem Aktenkoffer auf den kleinen Tisch und schaltet ihn ein. Das Kabel aus dem Telephon steckt er in den Anschluß der Modemkarte. Er ruft seine Textverarbeitung auf und schreibt seinen Bericht:
"... ist der Versuch hundertprozentig erfolgreich verlaufen. Das Testobjekt hat alle Befehle genau ausgeführt und erinnert sich danach an nichts mehr. Die Droge ist offenbar in der Lage, jede Art von innerer Hemmung und Gewissen vollkommen auszuschalten und den posthypnotischen Befehlen die absolute Oberhand zu geben. Dieses Ergebnis ist natürlich in weiteren Feldversuchen zu überprüfen, sieht aber äußerst vielversprechend aus. Die Berichte über meine weiteren Versuche folgen. Geeignete Testpersonen wurden bereits ausgewählt..."
Während der Bericht codiert wurde und seine Reise durch die Datenverbindung über Dutzende von Zwischenknoten in den Rechner der geheimen Forschungsgruppe des Verteidigungsministeriums antrat, zerriß der Vertreter in seiner Zelle das Bettlaken, drehte aus einem Streifen ein Seil und erhängte sich an den Stäben seines Fenstergitters.
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