Zwei kleine Kinder

"Ich verstehe nicht, wie du so einen Film lustig finden kannst."
"Ach Gottchen, reg dich doch nicht gleich so auf deswegen! Weißt du, warum ich den Film lustig finde? Weil es eben nur ein Film ist. Keine Wirklichkeit. Nur ein Film."
Sie verließen das Kino. Es regnete.
Der Film hatte irgendwo in Südamerika gespielt. Einer dieser tollen Einzelkämpfer hatte ein Nest von Drogendealern ausgehoben. Jede Menge Explosionen, Leute waren durch die Luft geflogen, die üblichen, blutigen Effekte.
"Ich finde das schlimm. Da hätten wir wirklich lieber in den anderen Film gehen sollen."
"Ach komm, dieses blöde Schicksalsdrama. Ich kuck mir doch nicht die erfundenen Probleme von erfundenen Leuten an."
"Statt dessen schaust du dir lieber an, wie ein paar Dutzend Leute abgeschlachtet werden."
"Nicht Leute. Dealer! Drogenschweine! Massenmörder! So was ist Ungeziefervernichtung."
Sie sah ihn schockiert an. "Das waren Menschen! Söhne! Väter! Ehemänner!"
Er grinste. "Aber sie haben für den Drogenboß gearbeitet. Und wer für Mörder arbeitet, muß damit rechnen, getötet zu werden. Stell dir mal vor, wie viele unschuldige Menschen vor dem Drogentod bewahrt werden, wenn man so einen Drogenboß kaltmacht. Außerdem war es eh bloß ein Film mit viel roter Farbe."
Sie schwieg.
Auf dem ganzen Weg zur U-Bahn sagte sie kein Wort mehr.
Er sah sie einmal kurz an, zuckte die Achseln und schwieg auch.

Zur selben Zeit brachen drei Männer in ein Juweliergeschäft ein. Sie schlugen wahllos die Vitrinen ein und nahmen, was sie kriegen konnten.
Im Polizeirevier vier Straßen weiter leuchtete ein Alarmsignal auf.
Zwei Streifenwagen wurden losgeschickt, um den Alarm zu prüfen.

"Sag mal, könntest du einen Menschen töten?"
"Wenn's sein muß..."
"Und wann, meinst du, muß es sein?"
"Zum Beispiel, wenn es heißt: Er oder ich. Bevor ich mich abknallen lasse, leg ich doch lieber den anderen um."
"Einfach so?"
"Natürlich. Ich will schließlich noch länger leben. Außerdem, da ich nicht vorhabe, Verbrecher zu werden, muß einer, der mich erschießen will, wohl der Verbrecher sein. Und dann ist es doch in Ordnung, wenn ich mich verteidige, oder?"
"Und was ist, wenn er Familie hat? Vielleicht ist er in Geldnot, kann seine Familie nur noch so ernähren. Wenn du ihn abschießt, was machen dann seine Frau und die Kinder?"
"Wenn der mich abschießt, was mach ich dann?"
Wieder schwieg sie.

Die Streifenwagen fuhren mit Blaulicht und Sirene zu dem Juweliergeschäft.
In einem der Wagen unterhielten sich zwei Beamte.
"Also, du kommst dann morgen zur Party? Die Zwillinge freuen sich bestimmt, dich zu sehen."
"Natürlich. Ich darf doch den sechsten Geburtstag der beiden nicht verpassen. Sie wollen mir doch schon seit Wochen ihre Schultaschen zeigen."
"Prima. Hoffentlich dauert das heute nicht so lange. Ich hätte eigentlich schon seit zehn Minuten Feierabend."
Mit quietschenden Reifen hielten die Polizisten vor dem Geschäft.
Drei Männer sprangen durch das eingeschlagene Schaufenster auf die Straße und rannten davon.
"Richtung U-Bahn. Hinterher!"

Die U6 war gerade abgefahren. Jetzt mußten sie zehn Minuten warten, ehe die nächste kam.
Sie setzten sich auf die Bank.
Schritte wurden laut. Jemand rannte. Irgendwo rief jemand "Stehenbleiben, Polizei!"
Schüsse.
Er packte sie und zog sie hinter eine Säule.
Er legte ihr die Hand auf den Mund. "Psssst!"
Wieder Schüsse.
Geschrei.

"Bleibt uns vom Hals!" Einer der Männer schoß auf die Polizisten.
Dann rannte er die Treppe hinunter, den beiden anderen hinterher.
Ein Polizist schoß.
Der Mann überschlug sich.
Er rollte die Treppe hinunter.
Der zweite Mann sprang hinter eine Säule.
Der dritte lief die Treppe auf der anderen Seite hinauf.
Der Mann auf der Treppe schlug auf dem Boden auf.
Etwas krachte. Wohl sein Genick.
Die Pistole flog ihm aus der Hand. Sie rutschte ein Stück und blieb liegen.

Zwei Männer rannten an ihnen vorbei.
Sie schienen das Paar gar nicht zu bemerken.
Sie hatten Waffen.
Ein Rumpeln. Etwas hartes klapperte auf dem Boden. Es schien zu rutschen.
Eine Pistole. Sie lag direkt neben ihnen. Er nahm sie.

Die Polizisten schlichen die Treppe hinab, die Waffe im Anschlag.
Einer sprintete zur ersten Säule.
Er keuchte laut. Der Stein in seinem Rücken war beruhigend kühl.
Er spannte sich.
Seine Kollegen schossen.
Jemand schrie auf. Dann schlug etwas auf den Boden.
Nummer zwei erledigt.
Er sprang um die Säule.

Jemand war auf der anderen Seite der Säule.
Noch ein Bewaffneter?
Ein Scharren.
Er spannte den Hahn.
Beim Militär hatte er gelernt, damit umzugehen.
Jemand sprang in sein Blickfeld. Er hatte eine Waffe. Sie zielte auf ihn.

Etwas krachte. Etwas schlug gegen seine Hand. Es tat weh.
Das Gesicht hinter der Waffe veränderte sich.
Etwas spritzte aus der Stirn.
Es war rot.
Das Gesicht wurde starr. Es kippte nach hinten.
Der Körper, zu dem es gehörte, kippte nach hinten.
Er sah auf die Waffe in seiner Hand. Sie rauchte.
Er ließ sie fallen.

Ein anderes Gesicht tauchte auf. Wieder eine Waffe. Sie zielte auf ihn.
Jemand schrie "Nicht schießen!"
Er sah wieder auf das erste Gesicht. Eine rote Pfütze bildete sich.
Die Waffe wurde gesenkt. Sie zielte nicht mehr auf ihn.
Der Mann, dem sie gehörte, war Polizist.
Der Mann, der am Boden lag, war auch Polizist.
Er sah den Polizisten an, der vor ihm stand.
Der Polizist weinte.
Der Polizist brüllte ihn an.
Der Polizist schüttelte ihn.
Was brüllte der da?
"...Kinder! Hast du gehört? Er hatte zwei kleine Kinder!"

Die Worte sickerten in sein Gehirn. "Zwei kleine Kinder."
Er begann, sie zu verstehen. "Zwei kleine Kinder!"
Ihm wurde schwarz vor Augen. "Zwei kleine Kinder!"
Er kippte weg.
Sein Kopf schlug auf den Boden.
Sein Kopf dröhnte.

ZWEI KLEINE KINDER ... ZWEI KLEINE KINDER ... ZWEI KLEINE KINDER ........

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© Sascha Raubal, 3.7.1996 , Letzte Änderung: 6.7.1996