Fluch

Glauben Sie an Magie? Zauber, Flüche und Unsterblichkeit? Nein? Schön für Sie. Ich glaube daran. Und das aus gutem Grund. Ich habe sie erfahren. Genauer gesagt, ich erfahre sie ständig. Ich kann Ihnen sagen, es ist die Hölle. Es gibt eine Menge Geschichten über Unsterblichkeit. Angefangen beim Mythos vom Jungbrunnen bis hin zu diesen Schwertkämpfern, die nur durch Köpfen kleinzukriegen sind. Ach, wenn das nur so einfach wäre! Ich hab's versucht. Dutzendfach. Es bringt nichts.

Doch doch, natürlich kann ich sterben. Das ist ja nicht das Problem. Der Ärger fängt immer erst einundzwanzig Jahre später an. Das heißt, angefangen hat das Ganze vor - grob gerechnet - dreieinhalb Jahrtausenden. Ich lebte irgendwo im Norden, Finnland würde ich sagen. Ich war schon ein paar mal dort, es sieht sehr so aus wie die Gegend, in der ich wohnte. Aber seitdem ist so viel geschehen, selbst wenn ich direkt an dem Platz vorbeikäme, ich würde ihn wohl nicht wiedererkennen. Eingebrockt habe ich mir die Suppe mit meiner verdammten Eifersucht. Meine Frau war eigentlich ein Schatz, meine Kinder gesund, ich hätte zufrieden sein sollen. Ich war oft unterwegs, damals ganz normal. Als Jäger mußte ich manchmal wochenlang durch das Land ziehen, bis ich etwas Lohnendes erbeutet hatte. In dieser Zeit kümmerte sich mein Bruder um meine Familie. Er war von Geburt an verkrüppelt und konnte keine Männerarbeit machen. Trotzdem war er ein wichtiges Mitglied der Sippe. Es ist ein dummer Mythos, daß wir nur die Starken und Gesunden aufgezogen hätten. Wer stark genug war zu überleben und die Arbeit leistete, zu der er fähig war, der gehörte zu uns.

Dann kam dieser Winter. Unsere Jagdgruppe mußte weiter als gewöhnlich in die Tundra ziehen, bis wir endlich auf Beute stießen. Fast sechs Wochen waren wir unterwegs. Wir kehrten mit viel Fleisch zurück, meine Familie empfing mich wie üblich voll Freude, und meine Frau und ich hatte einiges nachzuholen, was das Eheleben anging. Ein paar Wochen darauf, kaum mehr als einen Mond nach meiner Heimkehr, eröffnete mir meine Liebste, daß sie wieder schwanger sei. Es erschien mir schon ein wenig seltsam, daß sie es so früh wußte. Doch die Schamanin - übrigens ihre Schwester - meinte, eine Frau hätte mit der Zeit ein Gespür dafür, auch wenn die Anzeichen noch nicht so sicher seien. Also freute ich mich.

Als jedoch die Geburt in den achten Mond nach besagter Jagd fiel, war es vorbei mit der Freude. Zu allem Überfluß hatte des Kind eine leichte Mißbildung, ähnlich der meines Bruders, und seine Augenfarbe. Heute weiß ich, daß es nur eine Frühgeburt war. Und die Behinderung lag zwar wirklich in den Genen, jedoch in meinen genauso wie in denen meines Bruders. Damals jedoch wußte man nichts über Gene, ganz zu schweigen Vererbungsgesetzen. Für mich war klar: Das Kind stammte von meinem Bruder. Er hatte es gezeugt, während ich draußen auf Jagd war. Ich kochte vor Wut. Meine Frau wie auch mein Bruder leugneten natürlich, etwas miteinander gehabt zu haben, und ich war auch versucht, ihnen zu glauben oder wenigstens zu vergeben. Doch da gab es dieses Gerede. Meine Kollegen, die mit mir jagten, machten sich über mich lustig. Nicht, daß sie mich direkt darauf ansprachen. Nein, vielmehr verstummten ihre Gespräche des öfteren, wenn ich in ihre Nähe kam.

Nach ein paar Wochen war es dann vorbei mit der Beherrschung. Ich hatte Beerenwein getrunken und wieder war mir das Verhalten der anderen aufgefallen. Diese wissenden, mitleidigen und doch schadenfrohen Blicke. Ich ging - oder sagen wir lieber torkelte - zu meinem Zelt, um meine Frau ein weiteres Mal zur Rede zu stellen. Als ich den Kopf hineinsteckte, sah ich meinen Bruder. Er saß ihr gegenüber, half beim Gemüseputzen und lachte. Sie beide lachten. Es gab keinen Zweifel: Sie lachten über mich. Ich griff mein Messer und ging auf die beiden los. Nachdem ich ihm die Kehle aufgeschlitzt und ihr das Messer in den Bauch gerammt hatte packte ich den Säugling und schnitt ihm den Kopf ab. Mein älterer Sohn lief schreiend auf mich zu, um mich aufzuhalten. Er starb wie seine Mutter. In meiner Raserei tötete ich noch meine Tochter und löschte damit im Blutrausch meine ganze Familie aus, bevor mich einer der Jäger bewußtlos schlagen konnte.

Die Strafe für das, was ich getan hatte, war der Tod. Ich war dankbar dafür, denn nachdem mein Kopf wieder klar war wollte ich mit dieser Schuld auch nicht mehr leben. Zu grausam quälte mich die Erinnerung an mein Verbrechen. Mein Fehler war, das laut auszusprechen, und mein Pech, daß ich ausgerechnet die Schwester der Schamanin getötet hatte. Sie wollte mich leiden lassen für die Bluttat. Und das hat sie geschafft. Ich wurde in die Tundra verbannt. Alleine und ohne Waffen und Vorräte war ich dort innerhalb einiger Tage zum Tode verurteilt. Soweit hatte ich mein Los auch akzeptiert. Das Dumme ist, damit war es nicht zu Ende.

Ich wurde wiedergeboren. In Afrika. Ich wuchs als ganz normales Mädchen auf, wie alle anderen Kinder auch. Ich heiratete, bekam Kinder und war eigentlich ganz glücklich. Ich kam in das Alter, in dem meine Frau war, als ich sie getötet hatte. Und eines Nachts war alles wieder da. Ein Traum, doch so real, als geschähe alles wieder. Ich wußte, wer ich vorher gewesen war und was ich getan hatte. Ich beging noch in der selben Nacht Selbstmord.

Als nächstes war Italien dran. Diesmal wieder als Mann. Im gleichen Alter wie zuvor traf mich die Erkenntnis. Diesmal dauerte es einige Jahre, bis mich die Schuld so zerfressen hatte, daß ich meinem Leid ein Ende setzte.

Bis ich dann in Japan das selbe durchmachte. Danach wieder in Afrika, dann irgendwo in Nordamerika und so weiter.

So geht das jetzt seit Generationen. Ich habe das System inzwischen genau durchschaut: Sobald ich sterbe, wandere ich in irgendein gerade gezeugtes Kind. In ihm werde ich erwachsen, ohne von etwas zu wissen. Doch sobald ich exakt das Alter erreiche, in dem meine Frau durch meine Hand starb, überfällt mich die Erinnerung an den Mord und alles, was danach geschah. Darüber hinaus besitze ich auch alle Erinnerungen aus den Leben, die ich seitdem geführt habe. Gutes und Schlechtes, alles ist so, als hätte ich es in den knapp einundzwanzig Jahren bis zum Tag X erlebt.

Das hat ohne Zweifel auch seine Vorteile. Es gibt wenige Sprachen, die ich nicht beherrsche, und in gewisser Weise bin ich ein Tausendsassa. Und natürlich ein wandelndes Geschichtsbuch. Damit kann man schon einiges anfangen.

Aber ich frage Sie: Was nutzt es, zu wissen, was man schon alles versucht hat, um zu vergessen, wenn man doch auch weiß, daß nichts davon funktioniert hat?

Tja, das ist meine Unsterblichkeit. Heute gilt die Todesstrafe als inhuman, so manche Begnadigung beinhaltet die Umwandlung in "Lebenslänglich". Allerdings sitzt man dann nur ein Leben lang.

Soll ich Ihnen was sagen? Ich würde alles darum geben, endlich wirklich sterben zu können.

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© Sascha Raubal, 1.11.1996